Hunde impfen

Der kritische Ratgeber
Die Impferei geht weiter

Die Debatte über Häufigkeit und Art von Impfungen bei Hunden hat sich auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nicht erledigt. Noch immer werden Hunde zu oft geimpft. Noch immer geben Tierhalter/innen Geld für (Nach-) Impfungen aus, die ihre Hunde nicht brauchen.

Seit 2006 wird auch in Deutschland empfohlen, gegen Staupe, Hepatitis und Parvo alle drei Jahre nachzuimpfen. Die neueren Impfempfehlungen oder Impfleitlinien diverser Tierarztorganisationen stellen einen kleinen Fortschritt dar, das grundsätzliche Übel wird damit aber nicht beseitigt. Denn auch Dreijahresabstände sind wissenschaftlich nicht begründet, das Drejahresschema ist genauso willkürlich wie jährliche Impfungen. Und immer noch bringen Hersteller Produkte mit der Vorschrift jährlicher Nachimpfungen auf den Markt. Sie genießen eine erstaunliche Freiheit bei der Zulassung ihrer Produkte. Sie brauchen nicht zu belegen, wie lange ihre Impfstoffe tatsächlich schützen. Belegt werden muss nur diejenige Schutzdauer, die sie im Beipackzettel angeben. Und die ist bei vielen Impfstoffen unrealistisch kurz.

In der Humanmedizin gäbe es ein großes Hallo, wenn ein Impfstoffhersteller sich zum Beispiel einfallen ließe, einen Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff auf den Markt zu bringen, der jedes Jahr oder alle drei Jahre gegeben werden muss. Er bekäme von der Zulassungsbehörde, Wissenschaftlern und Krankenkassen den Vogel gezeigt. Doch in der Veterinärmedizin richten sich Impfabstände nicht nach der Wissenschaft, sondern nach den Interessen der Hersteller und der Tierärzte.

Dazu kommt: Auch die neueren Empfehlungen werden nur von einer Minderheit der Veterinäre beachtet. Nach Angaben eines Impfstoffherstellers, basierend auf dessen Befragungen in Tierarztpraxen, sind es etwa ein Drittel der Tierärzte, die längere Impfabstände für Staupe-Hepatitis-Parvo (SHP) praktizieren. Das ist aber wahrscheinlich zu hoch gegriffen. Der Hersteller bietet derzeit als einziger in Deutschland einen Staupe-Hepatitis-Parvo-Impfstoff mit Dreijahresangabe im Beipackzettel an – er hat also ein Interesse daran, dass das Dreijahresintervall von Tierärzten als die neue Norm wahrgenommen wird.

Jährliche Komplettimpfungen sind immer noch vorherrschend, allenfalls die Tollwutimpfung wird nicht mehr ganz so häufig verabreicht wie in früheren Zeiten. Die Jahresimpfung ist und bleibt für viele Kleintierpraxen die Hauptsäule ihres Geschäfts: Sie ist der Patientenbringer und bedeutet leichtverdientes Geld. Dazu kommt, dass Tierärzte ihre eigene Apotheke führen (Dispensierrecht). So verdienen sie nicht nur an der Injektion, sondern direkt am Impfstoff.

Wie oft ein Hund geimpft wird, hängt davon ab, ob sich die Tierhalter/innen informiert haben: Geht man mit Vorwissen in die Praxis, wird man anders behandelt als Lieschen Müller, die arglos mit ihrem Hund zur „Jahresimpfung“ antritt, sobald der Doc die Postkarte mit der Impferinnerung verschickt hat.

Hundehalter/innen, die sich informieren, lassen sich nicht so leicht über den Tisch ziehen. Das bewahrt ihre Tiere vor überflüssigen  – und gelegentlich sogar schädlichen – (Nach) Impfungen und ihren Geldbeutel vor unnützen Ausgaben.

Zum Aufbau

Im ersten Teil geht es um die praktischen Fragen: Wogegen impfen, wann impfen, wie oft impfen?

Der zweite Teil liefert die Grundlagen: Wie funktionieren Impfungen, wie wird die Dauer des Impfschutzes bestimmt, welche Nebenwirkungen können auftreten?

Impfungen für Hunde: Was, wann und wie oft

Wogegen soll man Hunde impfen, wann soll man sie impfen, wie oft müssen Impfungen wiederholt werden – das sind die Fragen, mit denen sich Hundehalter/innen auseinandersetzen sollten.
Es ist nicht ratsam, die Entscheidung einfach dem Tierarzt zu überlassen. Unnötig häufige Impfungen sind immer noch die Regel in der Tierarztpraxis, das haben Umfragen gezeigt. Veterinärorganisationen empfehlen zwar, manche Impfstoffe weniger oft zu geben, aber das wird von der Mehrheit der Kleintierärzte ignoriert. Die jährliche Komplettimpfung gegen Staupe, Parvo, Hepatitis, Zwingerhusten und Lepto ist nach wie vor weit verbreitet, dabei lässt sich allenfalls die jährliche Auffrischung der Leptoimpfung begründen.

Selbst von der jährlichen Tollwutimpfung wollen erschreckend viele Tierärzte nicht lassen, und das, obwohl seit Anfang 2006 Tollwutimpfstoffe mit Mehrjahreszulassung zur Verfügung stehen, Deutschland seit dem Frühjahr 2006 tollwutfrei ist und im Herbst 2008 den Status tollwutfrei erhalten hat.